Stellungnahme zum Artikel über Trans* in der Ärztezeitung online vom 16.10.2018

Als AG der medizinischen Fakultät der Charité Berlin legen wir, das Queer Referat Charité, großen Wert auf gutes wissenschaftliches Arbeiten. Die Ärztezeitung entspringt dem Springerverlag und fällt häufiger mit polemisierenden Artikeln auf, die weniger der Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse, als vielmehr einer klaren Meinungsbildung dienen.

Nicht überrascht, aber umso wütender sind wir dementsprechend über den am 16.10.2018 erschienen Kommentar in der ärztezeitung online mit dem reißerischen Titel „Ist es jetzt Mode, transgender zu sein?“ von Nicola Zink.

Der Artikel bezieht sich teilweise auf Aussagen von Dr. Alexander Korte, Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie München. Korte spricht sich gegen die Pubertätsblockade bei Kindern und Jugendlichen, die Trans* sind, aus. Die Praxis, Trans* Kinder die Pubertät eines ihnen zugeschriebenen aber nicht zugehörigen Geschlechts durchleben zu lassen kann sehr traumatisierend sein, führt zu nicht-umkehrbaren körperlichen Veränderungen und kann zu starker Dysphorie führen. Die jederzeit umkehrbare hormonelle Pubertätsblockade, deren einzige Nebenwirkung Osteoporose sein kann, gegen welche Vitamin D und Calzium gegeben wird, zu verweigern, ist nicht der Goldstandard.

 

Im Folgenden kommentierte Ausschnitte aus dem Originaltext:

 

Die Prävalenz einer Geschlechtsdysphorie (GD) wird mit unter einem Prozent angegeben. Der Trend ist jedoch eindeutig: In den letzten Jahren nahmen sowohl in Deutschland als auch international signifikant mehr Kinder und Jugendliche entsprechende Beratungsangebote in Anspruch. Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Alexander Korte von der Universität München sprach von einer drastischen Prävalenzzunahme, ohne entscheiden zu können, ob es sich um einen echten Prävalenzanstieg oder eher um eine angebotsinduzierte Nachfragesteigerung handelt.“

Es ist polemisch, in diesem Zusammenhang von „angebotsinduzierter Nachfragesteigerung“ zu sprechen. Kein Mensch nimmt freiwillig in einer cisnormativen Gesellschaft die Schikanen und Hürden, die mit einer Transition verbunden sind, in Kauf. Und kein Mensch „entscheidet“ sich dazu, Trans* zu sein, weil ein entsprechendes Beratungsangebot vorhanden ist.

 

 

Mögliche Ursachen könnten eine bessere Aufklärung, ein größeres Problembewusstsein und eine zunehmende mediale Verbreitung sein, was zu einer Zunahme der Selbstdiagnosen geführt hat. Auch die neueren Behandlungsmöglichkeiten wie die Pubertätsblockade und der „Machbarkeitsgedanke“ – dass also alles was medizinisch möglich ist, auch umgesetzt werden sollte – könnten eine Rolle spielen. „Aber auch, dass „Trans“ als neuartige Identifikationsschablone bereitsteht, könnte ein Grund sein“, sagte Korte beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig.                

Richtig – bessere Aufklärung trägt bestimmt mit zu einer höheren Inzidenz bei.

Das medizinische Establishment muss sich an dieser Stelle mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die „Prävalenzen“ von Transidentitäten höchstwahrscheinlich immer als viel zu gering eingeschätzt wurden. Vielerlei Faktoren (wie z.B. Transfeindlichkeit, Gewalt und Informationsmangel) führen dazu, dass viel geringere Zahlen angenommen werden, als es der Realität entspräche. Wenn wir uns dieser Realität annähern, indem mehr Information zugänglich wird, ist das Grund zu großer Freude.

 

 

„Einfluss der Peergroup

                

Heute scheint bei vielen Jugendlichen die eigene Existenz beziehungsweise die Wahrnehmung der eigenen Person durch andere an die Online-Präsenz gebunden zu sein und „medial stattzufinden“. Eine aktuelle Studie von der Brown-University im US-Bundesstaat Rhode Island sieht im Internet eine Ursache für das verstärkte Auftreten von Geschlechtsidentitätsstörungen (GIS) und GD. Die Studienautorin Lisa Littman befragte darin die Eltern von betroffenen Minderjährigen. “

Die Brown University distanziert sich in einer Stellungnahme ausdrücklich von dieser Studie, weil sie nicht wissenschaftlich durchgeführt wurde. Link: https://news.brown.edu/articles/2018/08/gender

Die angegebene Studie zeigt durch die Auswahl der befragten Eltern strukturellen Bias und ist daher nicht aussagekräftig: Littmann spürte in Internetforen Eltern von Trans* Personen (übrigens nicht nur von Minderjährigen, sondern von Menschen bis zum Alter von 27) auf, die deren Trans* Identität nicht akzeptierten. Sie befragte ausschließlich diese Personen, keine Eltern, die der Identität ihrer Kinder positiv oder neutral gegenüberstanden und keine einzige Trans* Person.

 

„Es stellte sich heraus, dass die Jugendlichen – in der Mehrzahl Mädchen – keine typische Vorgeschichte einer GD in der Kindheit aufwiesen, sich jedoch in der Vergangenheit auffallend viel mit sozialen Medien beschäftigt hatten. In deren Social-Media-Gruppen war es zu einem regelrechten Cluster-Outbreak gekommen.“

Es ist selbstverständlich, dass Menschen in schwierigen Lebenslagen sich Austausch mit anderen wünschen. Es ist als sehr positiv zu betrachten, dass Social Media so einen Austausch für Trans* Jugendliche ermöglicht. Wer dank dem Zugang zu Onlinemedien lernt, dass die empfundene Inkongruenz zwischen der ureigenen Identität und einer zugeschriebenen Geschlechterrolle valide ist, dass diese Inkongruenz bedeuten kann, Trans* zu sein, und dass es andere Personen gibt, denen es ähnlich geht, findet und gibt in solchen Medien Unterstützung. Und das ist gut so!

 

 

Littman nannte das Phänomen eine „rapid-onset gender dysphoria“ und vermutete außerdem, dass es sich bei der GD um eine Coping-Strategie handele, ähnlich wie eine Anorexie oder nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten.“

Littmann hat den Begriff aus transfeindlichen Blogs übernommen, die inzwischen privat sind. Auf der Internet-Plattform Gender Analysis gibt es hierzu sehr treffende Analysen von Zinnia Jones: https://genderanalysis.net/2018/07/rapid-onset-gender-dysphoria-is-not-one-thing-mapping-the-claims-of-rogd-proponents/ Der Begriff sollte die Beobachtungen von Eltern umschreiben, deren Kinder 1) sich scheinbar plötzlich, oft während der Pubertät, als Trans* outeten 2) mit anderen Trans* Jugendlichen befreundet waren und Social Media zum Austausch nutzten.

Der Begriff ist nicht zu einer Diagnose- oder Prognosestellung für eine angebliche Internet-assoziierte Zunahme an Coming Outs von Trans* Personen geeignet.

 

„Im Gegensatz zu den Probanden in Littmans Studie berichten erwachsene transsexuelle Menschen mehrheitlich von geschlechtsatypischen Verhaltensweisen in ihrer Kindheit, die retrospektiv zur Vergabe der Diagnose „GD im Kindesalter“ berechtigen. Bei vielen Homosexuellen trifft dies ebenfalls zu.“

An dieser Stelle sei wieder auf den Bias der Studie hingewiesen: Es wurden Eltern befragt, die die Identität ihrer Kinder als Trans* nicht akzeptieren. Selbstverständlich liegt es nahe, dass Kinder, die negative Konsequenzen befürchten müssen, wenn sie „geschlechtsatypisches“ Verhalten zeigen, dieses weniger zeigen. Weiters liegt es nahe, dass Eltern, die die Trans* Identität ihrer Kinder nicht akzeptieren (wollen), eher dazu neigen, solches Verhalten auszublenden.

Wir haben es hier mit überzeichneten Verhaltensanforderungen an Geschlechterrollen zu tun, die grundsätzlich infrage zu stellen sind und nebenbei bei Betrachtung der Vergleichspopulation (heute erwachsene Trans* Personen) nicht mehr up to date sein dürften. Der Hinweis, solche Beobachtungen seien auch bei homosexuellen (cis-)Personen zu machen, ist in diesem Kontext völlig irrelevant und führt lediglich zu einer unnötigen Vermischung der Konzepte Identität und sexuelle Orientierung.

 

Korte fragt sich: Tragen die Begriffe „genderfluid“ und „pangender“ zur „Illusion der Multioptionalität“ bei? „Anything goes“ auch beim Geschlecht? Oder sind die medial stark präsenten „Trans“-Akteure Pioniere eines neuen Verständnisses von Normalität?“

Durch Fluidität und das neue Verständnis von Normalitäten scheinen sich einige Menschen in ihrer Illusion der Zweigeschlechtlichkeit bedroht zu fühlen. Wir begrüßen diese Entwicklung.

 Vorsicht ist allerdings geboten, wenn es zu einer Vermischung mit oder starker Nähe zu Selbstoptimierung des Körpers („body enhancement“) kommt. Bei diesen Betroffenen geht es um ein Verlangen nach körpermodifizierenden Maßnahmen, die nichts mit Transsexualität zu tun haben.“

Wie so oft in Diskursen zum Thema Trans* wird hier alles miteinander vermischt und Verwirrung gestiftet: Das Coming-Out als Trans* hat nichts mit körperlicher Selbstoptimierung zu tun.

 

 

Genderdiskurs entspricht dem Zeitgeist

Handelt es sich beim aktuellen „Trans“-Boom vielleicht nur um eine Modediagnose unter Psychiatern, vergleichbar mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in den 80er-Jahren?“

Hier wird unüberlegt und ohne Argumente zu bringen im Stil des zeitgenössischen Rechtspopulismus der Begriff „Gender“ gebraucht um Angst vor einer ideologischen, pseudowissenschaftlichen Bewegung geschürt, die die „natürliche“ Geschlechterordnung bedroht.

 

„Die Klärung, ob eine GD vorliegt, ist nur möglich durch einen längeren und intensiven, ausgangsoffenen diagnostisch-therapeutischen Prozess. Wichtig ist die Exploration der sexuellen Präferenzstruktur unter nativem Hormonstatus. Es schließt auch Gespräche mit Jugendlichen über ihre präorgastischen Masturbationsfantasien ein.“ 

Hier werden die Ebenen der Sexualität und Geschlechtsidentität in einer Weise vermischt, die impliziert Menschen könnten nur entweder homosexuell oder Trans* sein.

„Besondere Bedeutung kommt der mindestens einjährigen psychotherapeutischen begleitenden Alltagserprobung zu.“

Der Alltagstest ohne körperverändernde Maßnahmen kann mitunter eine nicht zuzumutende Belastung darstellen und sollte daher nicht als zentraler Baustein der Begleitung von Trans* dienen.

Die beschriebenen Entwicklungen pauschal kritisch zu beurteilen, mit der Begründung, dass es sich bei Trans* um eine „neuartige Identifikationsschablone“ handele, impliziert, dass es sich nicht um „legitime“, „authentische“ Trans* Positionierungen handele. Sich verändernde Diskursive Landschaften und politische Umstände führen zwangläufig zu Änderungen in der Art wie Menschen ihr Selbsterleben ausdrücken. Dabei handelt es sich um eine Veränderung, die in sich kein Urteil über die „Echtheit“ dieser Positionierungen zulässt.

Trans* bedeutet nicht zwangsläufig den Wunsch nach körperverändernden Maßnahmen. Unter dem Deckmantel der Sorge um deren medizinische Notwendigkeit wird hier zum verstärkten Zweifel an den Aussagen von Trans* Menschen über ihr eigenes Geschlecht aufgerufen. Das ist kontraproduktiv und verantwortungslos gegenüber dieser vulnerablen Personengruppe.

Die schlechte Recherche und Polemik in diesem Artikel empfinden wir als empörend für ein Medium, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Mediziner*innen auf eine seriöse Art und Weise anzusprechen und zu repräsentieren. Besonders in Hinblick auf die Tatsache, dass Mediziner*innen eine zentrale Rolle im Kontext von Transitionsprozessen einnehmen, finden wir es verantwortungslos, dass die Ärztezeitung in diesem Kommentar nicht informiert, sondern polemisiert, nicht neutral Bericht erstattet, sondern populistisches Gedankengut verbreitet.

Für kommende Artikel hoffen wir bei den Autor*innen der Ärztezeitung auf ein gewisses Mindestmaß an Recherche und Reflexionsfähigkeit.

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